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Frauen im Esport Teil 2: Männer und Frauen – Gamer zweier Welten?

Bildquelle: Huffington Post

Obwohl wir uns in Zeiten von Studiengängen wie „Gender Studies“ befinden, herrschen immer noch sehr verfestigte Annahmen über die Unterschiedlichkeit der Geschlechter. Es gibt Tatsachen, die nicht wegzudiskutieren sind, wie etwa, dass Männer mehr und schneller Muskeln aufbauen und dadurch in körperlichen Sportarten systematisch bevorteilt sind.

Aber gerade wenn es um geistige Fähigkeiten geht, werden Geschlechterunterschiede zum Streitpunkt. Bücher wie „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ tragen schlussendlich dazu bei, Geschlechterunterschiede als in Stein gemeißelte Fakten anzusehen. Doch wie viel ist dran an diesen oftmals propagierten Unterschieden? Und wie wirkt sich das auf den Esport aus?

Für den Esport werden klassischer Weise kognitive Maße wie Räumliches Denkvermögen, Reaktionsgeschwindigkeit und Hand-Augen-Koordination als besonders relevant erachtet, und das nicht ohne Grund: Ich muss einschätzen können, wie weit ein Gegner entfernt ist, wenn ich eine Chance haben will ihn mit einer Shotgun zu erwischen. Ich muss schnell auf die Bewegungen des Gegners reagieren können und schließlich auch noch meine Cursorbewegung anpassen, damit ich sich bewegenden Gegnern Headshots verpassen kann.

Sind Männer aufgrund ihrer Gehirnkonfiguration systematisch besser darin und ist das der Grund warum sie erfolgreicher im Esport sind? Werfen wir einen Blick herein.

 

RÄUMLICHES DENKVERMÖGEN – EINE SICHERE MÄNNERDOMÄNE?

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Männern wird häufig eine Überlegenheit im räumlichen Denkvermögen nachgesagt. Es sei der Grund, warum sie besser einparken, Häuser bauen können etc. Was sagt die Psychologie dazu?

Nun dieses Vorurteil scheint sich zunächst zu bestätigen wenn man sich eine Meta-Analyse, die Mutter aller Evidenz, anschaut. In einer Meta-Analyse von Hyde (1981), konnte gezeigt werden, dass Männer tatsächlich einen Vorteil im Räumlichen Denkvermögen haben. Allerdings begrenzte sich dieser, auch zur Überraschung der Autorin, auf einen kleinen Effekt. Wenn man den Ergebnissen dieser Studie folgt, gibt es also keinen Grund zu sagen, dass Männer im räumlichen Denken erheblich besser sind als Frauen.

Aber ich möchte noch genauer hingucken: Welche Rolle spielt Training bzw. Erfahrung? In einer Meta-Analyse von Baenninger & Newcombe (1989) konnte gezeigt werden, dass Training einen signifikanten Effekt auf das Räumliche Denkvermögen hat. Aber können Frauen durch Training den leichten Vorteil, den Männer haben wettmachen?

Eine Studie von Gagnon (1985) legt dies nahe: Weibliche und Männliche Versuchspersonen haben einen Test zum räumlichen Denken absolviert, haben dann 6 Stunden lang Tetris gespielt, und anschließend erneut ihr räumliches Denken unter Beweis gestellt.

Zu Beginn waren die Männer besser im räumlichen Denken. Nach dem Training zeichnete sich allerdings ein anderes Bild ab: Während die Männer keine Verbesserung im räumlichen Denken durch das Tetris spielen verzeichnen konnten, haben die Frauen vom Tetris spielen profitiert und waren nun gleichauf mit den Männern im räumlichen Denken. Dieser Effekt auf räumliches Denkvermögen konnte auch von Feng et al. (2007) mit dem 10-stündigen Spielen von Medal of Honour gezeigt werden.

Das Fazit zum räumlichen Denkvermögen ist also, dass Männer zwar einen kleinen Vorschuss auf räumliches Denken haben, dieser aber schon durch eine geringe Anzahl von Trainingsstunden von den Frauen kompensiert werden kann.

 

REAKTIONSGESCHWINDIGKEIT: NEUTRALES TERRAIN?

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Bei der Reaktionsgeschwindigkeit  gibt es keine klare Zuteilung zu den Geschlechtern, und ähnlich gestaltet sich auch die Studienlage: Eine Untersuchung von Der & Deary (2006) an einer sehr großen Stichprobe deutet an, dass Männer eine schnellere Reaktionsgeschwindigkeit haben als Frauen, besonders bei visuellen Reizen. Barral & Debu (2004) fanden heraus, dass Männer zwar schneller reagieren, Frauen aber präziser zielen, und damit weniger Fehler machen. Allerdings zeigt eine Studie von Dye, Green & Bavelier (2009), dass das Spielen von Shootern ein effizientes Training der Reaktionszeit bei gleichbleibender Treffsicherheit ist.

Hinweis darauf, dass Frauen durch Training aufschließen könnten, gibt auch eine Studie von Silverman (2006). Hier konnte gezeigt werden, dass in Ländern, in denen mehr Frauen Tätigkeiten ausführen, die eine schnelle Reaktionsgeschwindigkeit erfordern, geringere Reaktionszeitunterschiede vorherrschen. Es wäre also durchaus denkbar, dass Frauen ähnlich wie bei den Studien zum räumlichen Denken, mehr von Trainingseffekten profitieren und damit zu den Männern aufschließen können. Bisher fehlt allerdings noch eine Studie, die genau dies zeigt. Bis dahin gilt also, dass Männer eine leicht bessere Reaktionsgeschwindigkeit haben, und wenn man hier von leicht besser redet, meint man damit 20ms.

 

HAND-AUGEN-KOORDINATION: FLINKE FRAUENHÄNDE?

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Wenn man über Geschlechterunterschiede bei der Psychomotorik spricht, heißt es oft, dass Frauen eine bessere Hand-Augen-Koordination haben als Männer. Es scheint damit eine der wenigen unmittelbar spielrelevanten Domänen zu sein, in denen Frauen eine Überlegenheit zugestanden wird. Eine Meta-Analyse von Thorley & McDaniel (2013) scheint dies zu bestätigen:

Frauen haben eine bessere Bewegungskoordination und Finger- und Handbeweglichkeit. Allerdings wurde auch, ähnlich wie in einer Studie von Chraif & Anitei (2013), festgestellt, dass Männer präziser sind und weniger Fehler machen, Frauen aber schneller aus ihren Fehlern lernen.

Ruff & Parker (1993) fanden ebenfalls widersprüchliche Ergebnisse, so dass mal Frauen schneller darin waren eine Koordinationsaufgabe zu lösen, und ein anderes mal Männer. Es ergibt sich ein eher undeutliches Bild von Geschlechterunterschieden in der Hand-Augen-Koordination. Aber wie sieht es mit den Trainingseffekten aus?

Eine Untersuchung von Li, Cheng & Cheng (2016) konnte zeigen, dass man sowohl durch das Spielen von Rennspielen wie Mario Kart, als auch durch First-Person-Shooter wie Unreal Tournament 2004 seine Hand-Augen-Koordination verbessern kann. Leider fand keine Auswertung dazu statt, welche Geschlechterunterschiede herrschen, bzw. wer wie viel von dem Training profitiert.

Es gibt also keine klare Antwort darauf, ob Frauen auch nach Einberechnung von Trainingseffekten leicht besser sind in der Hand-Augen-Koordination, allerdings haben sie auf Populationsebene gerechnet leichte Vorteile.


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ABER…WAS BEDEUTET DAS ALLES?

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Nun, zu allererst muss man sagen, dass die Studienlage für diesen spezifischen Bereich sehr dünn ist. Es gibt zwar einzelne Studien die sich konkret mit den Auswirkungen von Shootern auf die Psychomotorik und andere kognitive Maße beschäftigen, allerdings fehlen noch Replikationen dieser Befunde um es als gesicherte Grundlage annehmen zu können.

Was sich allerdings feststellen lässt ist, dass die enormen propagierten Geschlechterunterschiede so nicht zu finden sind oder sich in der Auflösung befinden. Selbst der Vorteil von Männern im räumlichen Denken fällt den Trainingseffekten zum Fraß. Aber auch feststellbare Geschlechterunterschiede, wie die in der Reaktionszeit verringern sich schon aufgrund von gesellschaftlichen Umständen.

Was sich aus dem ganzen (vorsichtig) schließen lässt, ist dass die Geschlechterunterschiede in kognitiven Maßen wie Reaktionsgeschwindigkeit, räumliches Denken und der Hand-Augen-Koordination nicht groß genug sind, um zu erklären, dass so deutlich weniger Frauen im Esport vertreten sind. Vermutlich spielen hierbei eher gesellschaftliche und strukturelle Aspekte eine Rolle. Allerdings möchte ich als kleines Abschlussfazit auch noch kurz darauf eingehen, wie es dazu kommt, dass Geschlechterunterschiede „wegtrainierbar“ sind.

 

NEURO-PLASTI-WAS?

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Es ist eine sehr beeindruckende Fähigkeit, die unser Körper besitzt, mit der er sich sogar auf zellulärer Ebene an seine Umwelt anpasst. Man nennt sie Neuroplastizität. Unser Körper ist in der Lage unser Nervensystem so zu verändern, dass es effizienter arbeitet, und das in jedem Alter. Er bildet neue und stärkere neuronale Verbindungen zu Bereichen die wir häufig benutzen. Es ist außerdem die Grundlage jeden Lernens auf neuronaler Ebene.

Man kann es sich wie eine Große Landschaft vorstellen: Wir sehen eine breite Wiese mit hohem Gras und in der Ferne einen Apfelbaum und an einer anderen Stelle einen Felsen. Weil sich Steine so schlecht kauen lassen gehen wir den Weg von unserer jetzigen Position hin zum Apfelbaum und wieder zurück. Erst dauert es lange, weil das hohe Gras uns beim Gehen behindert. Aber je öfter wir gehen, desto mehr wird aus dem Trampelpfad ein Weg bis hin zu einer Straße, auf der wir den Weg zum Apfelbaum sehr viel schneller gehen können, als noch am Anfang. Der Weg zum Stein allerdings wäre immer noch sehr anstrengend, denn hier haben wir uns keinen Weg frei geschlagen.

So wie wir im Beispiel die Wiese mit unseren Füßen formen, formen wir genauso unsere kognitive und neuronale Landschaft mit Gedanken und Handlungen. Je öfter wir einen Gedanken denken, desto eingänglicher wird er und je öfter wir eine Handlung ausführen, desto einfacher wird es diese auszuführen. Wir trainieren unseren Körper auf psychischer und neuronaler Ebene. Und genau dies passiert auch beim Gaming.

Je häufiger wir einen Shooter spielen, desto mehr bildet unser Gehirn die neuronalen Grundlagen um in diesem erfolgreich zu sein. Sei es Reaktionszeit, räumliches Denken oder was auch immer in dem Shooter an Leistung erforderlich ist. Und rückwirkend werden wir daher durch das Spielen von Shootern besser in diesen Bereichen.


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NEUROPLASTIZITÄTS-LEVEL: GESELLSCHAFT

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Auf einer größeren Ebene betrachtet trifft dies auch für den gesellschaftlichen Wandel zu. Ein Beispiel: Während Anfang des 20. Jahrhunderts nur wenige bis gar keine Frauen Auto gefahren sind, hat sich das im Laufe des Jahrhunderts gewandelt, was dazu beigetragen hat, dass Frauen durch die Anforderungen des Fahrens ein besseres räumliches Denken und visuelle Reaktionsgeschwindigkeit bekommen haben.

Diese Form von Anpassung erklärt zum Teil auch, warum in neueren Studien im Vergleich zu älteren Studien Geschlechterunterschiede geringer werden, bzw. verschwinden: Die sich angleichenden gesellschaftlichen Anforderungen an Männer und Frauen führen auch zu einem Anpassungsprozess auf neuronaler Ebene.

Die Lektion, die sich aus dem Wissen über Neuroplastizität und der Geschichte und deren Entwicklung schließen lässt, mit der ich auch gerne den Diskurs um Geschlechterunterschiede im Esport beenden möchte, ist folgende:

Es ist nicht wichtig mit welcher Gehirnkonfiguration du geboren bist, es ist wichtig was du daraus machst.

 

 

Literaturverzeichnis:
Baenninger, M. & Newcombe, N. (1989). The role of experience in spatial test performance: A meta-analysis. Sex Roles, 20, 327-344.
Barral, J. & Debu, B. (2004). Aiming in Adults. Sex and laterality effects. Laterality, 9, 299-312.
Chraif, M. & Anitei, M. (2013). Gender Differences in Motor Coordination at Young Students at Psychology. International Journal of Social Science and Humanity, 2, 147-150.
Der, G. & Deary I.J. (2006). Age and sex differences in reaction time in adulthood. Results from the United Kingdom Health and Lifestyle Survey. Psychology and Aging, 24, 229.
Dye, M.W., Green, C.S. & Bavelier, D. (2009). Increasing speed of processing with action video games. Current directions in psychological science, 18, 321-326.
Feng, J., Spence, I. &Pratt, J.(2007). Playing an action video game reduces gender differences in spatial cognition. Psychological Science, 18, 850-855.
Gagnon, D. (1985). Videogames and spatial skills: An exploratory study. Educational Communication and Technology, 33, 263-275.
Hyde, J. S. (1981). How large are cognitive gender differences? A meta-analysis using !w² and d. American Psychologist, 36, 892-901.
Li, L., Cheng, R., & Cheng, J. (2016). Playing action video games improves visuomotor control. Psychological Science, 27, 1092-1108.
Ruff, R.M. & Parker, S.B. (1993). Gender- and age-specific changes in motor speed and hand-eye-coordination in adults. Normative values for the finger tapping and grooved pegboard test. SAGE Journals, 76, 1219-1230.
Silverman, I.W. (2006). Sex differences in simple visual reaction time. A historical meta-analysis. Sex Roles, 54, 57-68.
Thorley, T.E. & McDaniel, M. A. (2013). Mean sex differences in psychomotor ability. A meta-analysis. 28th annual conference of the society for industrial and organizational psychology in Houston.


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