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Die Glücksgeister beschwören – Der Einfluss von Ritualen auf die Spielleistung

Bildquelle: Scuf Gaming

 

Jeder kennt Rituale, entweder von sich selbst oder aus der Beobachtung von anderen. Bevor sich einer großen leistungsbezogenen Aufgabe, wie beispielsweise einem Test oder einem großen Match gestellt wird, werden kleine, an sich sinnlose Handlungsabläufe ausgeführt. Sei es ein Mantra, das man sich aufsagt, den Glücksbringer, den man mitbringt, oder das Zurechtrücken des schon perfekt eingestellten Equipments. Im Sport haben nicht nur Spieler kleine Rituale vor wichtigen Spielen, mit denen sie sich mental auf ein Spiel einstellen, sondern auch immer mehr Trainer etablieren eine Art Gruppenritual (wie z.B.  den Schulterschluss im Kreis) vor einem gemeinsamen Spiel, um den Teamgeist zu stärken.

Während die Spieler oft fest von der Notwendigkeit des Rituals für ein gutes Gelingen überzeugt sind, stellt sich aus wissenschaftlicher Sicht die Frage, ob dem auch wirklich so ist, oder ob Rituale nicht eigentlich Unsinn und Zeitverschwendung sind.

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ALLES NUR ABERGLAUBE?

Au contraire! Ein Einblick in die Forschungslage zeigt, dass Rituale sehr wohl einen positiven Effekt auf die Spielleistung haben: Rituale tragen beispielsweise dazu bei, dass man sich während dem Spiel besser konzentrieren kann. Ebenso steigern sie die körperliche Bereitschaft und verstärken das Selbstvertrauen (Damisch et al. 2010). Außerdem verringern sie das Auftreten von Angst und Stress, und helfen so dabei einen klaren Kopf zu bewahren, wenn einen die Leistungsangst im Nacken packt (Brooks et al. 2016).

Eine Untersuchung von Hobson et al. (2017) zeigt, dass sich die Wirkung von Ritualen sogar auf neuronaler Ebene äußert: Rituale verringern das Fehler-Monitoring bei gleichzeitiger Erhaltung der Leistung. Das hat folgenden Vorteil: Wir werden von Rückschlägen weniger gestresst und können so selbst nachdem ein Objective verloren wurde wieder schnell mit voller Konzentration im Spiel sein. Besonders im Esport, wo stressreiche Ereignisse wie Tode oder Objective Losses im Minuten-  bis Sekundentakt vorkommen, ist diese Fähigkeit essentiell.


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WIE FUNKTIONIERT DAS GANZE?

Rituale sind dadurch gekennzeichnet, dass sie eigentlich keinen direkten Einfluss auf die Spielleistung und Verbesserung in der Spielmechanik haben. Beispielsweise tastet ein Spieler vor jedem Spiel seine Ausrüstung von unten nach oben ab, um sich sicherer zu fühlen. Würde er es jedoch andersherum tun, würde es sich „falsch“ anfühlen, und er könnte nicht von dem Gefühl der Sicherheit profitieren, obwohl er insgesamt, die gleichen Schritte vollzogen hätte.
Rituale sind also kleine, aber irrational strikt einzuhaltende Handlungsabläufe von denen wir einen gewissen Effekt erwarten. Diese müssen aber erst etabliert werden, bevor wir von ihnen in vollem Umfang profitieren können (Legare und Souza 2012). Wir konditionieren uns damit selbst: Immer bevor wir Leistung erbringen wird ein bestimmtes Verhalten ausgeführt und kündigt so auch unserem Körper an: Jetzt geht’s los.

Der Körper reagiert darauf, indem er sich in „Leistungsmodus“ versetzt und alle dafür nötigen Hormone ausschüttet. Schließlich fühlen wir uns „bereit“.
Wird dies immer und immer wiederholt, verbinden wir dann die jeweilige Handlung mit den bald eintretenden Wirkungen – dem „Bereitschafts-Zustand“. Es bildet sich eine Erwartung und damit Erwartungseffekte, wie sie auch bei dem Einsatz von Placebos zum Tragen kommen. (vgl. Brody 2010). Damit ist ein Ritual geboren, dass sich positiv auf unsere Leistung auswirkt. Natürlich können Rituale für viele verschiedene Lebensbereiche angewandt werden. So wird beispielsweise bei Schlafproblemen empfohlen ein Einschlafritual zu etablieren, um den Körper so zu programmieren, dass er nach dessen Durchführung müde wird.

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WORAUF MUSS ICH ACHTEN, WENN ICH EIN RITUAL ETABLIEREN WILL?

Die Forschung zeigt, dass Rituale dann am besten funktionieren, wenn man ihnen wenig Aufmerksamkeit und gedankliche Anstrengung schenken muss (Jackson und Masters 2006). Wenn ein Ritual etabliert werden soll, muss also darauf geachtet werden, dass es nicht zu viele gedankliche Ressourcen einfordert. Vor einem großen Spiel immer ein Sudoku zu machen wäre daher also keine gute Idee, noch einmal kurz seine Arme zu massieren hingegen schon. Aber sind Rituale etwas für jedermann?

Besonders gut wirken Rituale dann, wenn die ausführende Person Dingen wie Schicksal und Glück eine gewisse Macht zugesteht oder eine Form von Religiosität vorliegt. Auch wenn man jemand ist, der vor besonders wichtigen Spielen nervös und angespannt ist, können Rituale helfen das Beste an Leistung im Spiel herauszuholen.


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PRE-PERFOMANCE-ROUTINEN

Für die Leute die wenig mit Ritualen anfangen können, aber trotzdem ihre Leistung steigern wollen eignen sich sogenannte „Pre-Performance Routinen“.  Das sind Verhaltensweisen, die bewusst ausgeführt werden um sich auf ein Spiel vorzubereiten, und besonders dann wirksam sind, wenn an die eigenen Einflussmöglichkeiten auf die Psyche während des Spiels geglaubt wird. Hierunter versteht man beispielsweise das Durchdenken von Talent Builds und das bewusste Vorstellen von Spielsituationen.  Im Falle von Nervosität und Anspannung können hier auch Entspannungsmethoden wie Progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen Anwendung finden. Aber auch das Aufwärmen der Handgelenke durch Übungen, um während des Spielens eine gute Flexibilität beim Aiming zu haben, zählen hierzu.

Bei der Etablierung von Pre-Perfomance Routinen können zwei Fragen hilfreiche Anleitung bieten:
Was will ich erreichen? Womit erreiche ich das? Möchte ich besonders sicher im Aiming sein, sollte ich zur Vorbereitung noch ein paar Probeshots machen. Möchte ich während des Spiels einen klaren Kopf bewahren, sollte ich mich eher versuchen bewusst zu entspannen.

Egal ob Ritual oder Pre-Performance Routine, schon kleine psychologische Tipps und Tricks können helfen die Leistung, die im Spiel gebracht werden kann, zu verbessern. Sie stellen damit nicht nur für die Spieler selbst, sondern auch für die Coaches Möglichkeiten dar, das Maximum an Leistung aus dem Team herauszuholen und sollten entsprechend etabliert werden.

 

Literaturverzeichnis
Brody, Howard (2010): Ritual, Medicine, and the Placebo Response. In: William S. Sax, Johannes Quack und Jan Weinhold (Hg.): The problem of ritual efficacy. Oxford: Oxford Univ. Press (Oxford ritual studies), S. 151–165.
Brooks, Alison Wood; Schroeder, Juliana; Risen, Jane L.; Gino, Francesca; Galinsky, Adam D.; Norton, Michael I.; Schweitzer, Maurice E. (2016): Don’t stop believing. Rituals improve performance by decreasing anxiety. In: Organizational Behavior and Human Decision Processes 137, S. 71–85. DOI: 10.1016/j.obhdp.2016.07.004.
Damisch, Lysann; Stoberock, Barbara; Mussweiler, Thomas (2010): Keep your fingers crossed! How superstition improves performance. In: Psychological science 21 (7), S. 1014–1020. DOI: 10.1177/0956797610372631.
Hobson, Nicholas M.; Bonk, Devin; Inzlicht, Michael (2017): Rituals decrease the neural response to performance failure. In: PeerJ 5, e3363. DOI: 10.7717/peerj.3363.
Jackson, Robin C.; Masters, Rich S. W. (2006): Ritualized behavior in sport. In: Behav. Brain Sci. 29 (06). DOI: 10.1017/S0140525X06009423.
Legare, Cristine H.; Souza, André L. (2012): Evaluating ritual efficacy. Evidence from the supernatural. In: Cognition 124 (1), S. 1–15. DOI: 10.1016/j.cognition.2012.03.004.


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